Wolfgang Trepper  
Texte
     
                 
     
Die Kaninchen am Rhein, die nach Homberg wollen  
 

Vier Kaninchen standen da, am Ufer ziemlich nah, da wo die dicken schwarzen Steine liegen, die anscheinend irgend jemand da mal hingeschmissen hat, damit der Rhein nicht macht, was er will, bei Hochwasser.
Und da standen vier Kaninchen, in einer Reihe, ganz gerade. Wie hinter einer unsichtbaren Absperrung, und sie standen da und schauten den Schiffen nach, die nach Holland fuhren und denen anders 'rum, die langsamer waren, weil der Rhein gucken wollte, wer denn im Rhein das Sagen hat: die tuckernden Dieselmotoren oder er.

Und ich schwöre: plötzlich, einfach so, konnte ich sie hören und das kleinste der Kaninchen sagte:
"Mensch, da ist Homberg, siehst'e das? So nah!" und dann wieder fast ehrfurchtsvoll: "Homberg!"
"Nun lass mal gut sein", sagte das große Kaninchen, es stand ganz rechts. "Homberg, gut, ja, sicher, aber die kochen auch nur mit Wasser... Was?"
"Also Papa," sagte das zweitkleinste Kaninchen wieder, "ich bitte Dich wir reden von Homberg. Das Homberg!"
"Ja," sagte das Kaninchen mit einer deutlich höheren Stimme, "da hat es recht..."
Dann schwiegen sie alle und ich dachte, ich muss mal ein paar Bier abends aus dem Körper lassen. Aber plötzlich wieder:
"Stimmt es, sag mal, stimmt es wirklich, dass da drüben hinter dem Rhein gar keine Füchse sind? Und Dackel, die bellen, und Menschen, die mit Steinen nach uns schmeißen würden?"
"Ich war noch nie drüben, woher soll ich das wissen? Ich kann es mir nicht vorstellen", sagte das Kaninchen ganz rechts und setzte sich jetzt ganz auf die Hinterpfoten und wackelte mehrmals etwas nervös mit einem Ohr.
Die hohe Stimme überlegte laut:
"Wann haben wir den letzten Ausflug gemacht, wann?"
Das rechte Kaninchen unterbrach sie:
"Das ist gar nicht so lange her, das war als...".
Die beiden anderen ließen in aber nicht mehr zu Wort kommen:
"Ausflug, Ausflug..!"
Die Kaninchenfrau sah ihren Mann lächelnd von der Seite an.
"Die Kinder", meinte sie.
"Ach was! Alles, was man nicht hat, reizt immer am meisten, das Ufer sieht, ich geb´s ja zu, grüner aus, aber auch da gibt es Pest, ölverschmiertes Gras... Hier ist es auch schön."
Aber die Kinder gingen näher ans Ufer.
"Wir können schwimmen!"
"Schwimmen?" fragte eines der anderen, und ich sagte:
"Ihr könnt nicht 'rüber schwimmen, das schafft ihr niemals bei der Strömung."
Ich dachte erst dann daran, dass ich ja gar nicht wusste, ob Kaninchen überhaupt schwimmen können, hab' halt nie Bio gehabt, Lehrermangel, 70er Jahre. Aber das war den 2003-Kaninchen scheißegal.
"Hört auf", sagte ich, "hört auf mit diesem Ausflugsgefasel", aber sie konnten mich nicht verstehen. Und standen zwischen Ruhrort und Homberg und überlegten, ob sie ins Wasser gehen sollten.
Ich ging auf die Kaninchen zu, aber sie wussten ja nicht, dass ich sie genau gehört hatte, und ich erschreckte sie eigentlich nur. Sie gingen noch näher ans Wasser. Ich dachte noch:
'Das gibt's doch nicht, dass die das versuchen wollen, und das gibt's auch nicht, dass mir das nicht scheißegal ist, blöde Karnickel.'
Ich sah wie die Kaninchenfrau einen Fuß ins Wasser setzte - das Kleinste tat es ihr nach - dann den zweiten, dann noch einen, den dritten. Der Vater ging schimpfend hinterher und der älteste kam auch und war bald das schnellste Kaninchen im Wasser.
Ich konnte nicht, ich blieb stehen, lachte über mich, weil mir innerhalb von Minuten diese Familie, die so ausweglos versuchte, ans andere Rheinufer zu kommen, ans Herz ging. Ja, verdammt noch mal, mir war's nicht egal, ich überlegte, was ich tun konnte, da hörte ich das Kleinste laut japsen.
"Ist es noch sehr weit, Mama?" fragte sie und war gerade mal einen Meter geschwommen.
"Weiter", sagte die Mama, "oder wir gehen zurück".
Aber sie hatte vergessen, wie man rückwärts schwimmen konnte, sie konnte es ja eigentlich auch nicht vorwärts. Das größere Kind hatte auch Probleme, eine Pfote zuckte mächtig.
'Ein Krampf!' dachte ich, da ging es unter.
Der Vater sah es, riss die Augen auf und sagte zu seiner Frau:
"Tja ich hab's Dir noch gar nicht erzählt, er hat Tauchen gelernt, mach Dir keine Sorgen."
Und Wasser war auf seinen ganzen Ohren aber auch in den Augen.
"Genau wie die Kleine", sagte die Mutter. "Sorg' Dich mal bloß nicht um sie, sie kann das ganz toll, das weiß ich."
Die Mutter strampelte verzweifelt, sie konnte sie nicht mehr sehen und wusste, was passiert war. Sagte nichts, weil auch sie ihre Lebensliebe nicht erschrecken wollte.
"Wenn wir drüben sind ruhen die sich aus und haben schon neue Spielkaninchen gefunden und..."
Mehr konnte er nicht sagen, er hatte das kleine Sportboot nicht gesehen, nur gehört, aber so schnell konnte er hier keinen Haken schlagen.
Nur zwei Sekunden später hörte ich ein leises Stöhnen, dann sah ich beide Kaninchen nicht mehr. Drei Meter vom Ufer entfernt, mittlerweile stand ich mit den Schuhen im Wasser, waren sie alle umgekommen. Ich sah, wie sie Richtung Baerl trieben.
Und ich wünschte, ich hätte nicht gehört, was sie sagten, was sie fühlten. Ich war zum Mitwisser geworden, musste zuhören, und das Schicksal von Fremden war mir plötzlich nicht gleichgültig, auch wenn es nur Kaninchen waren.

Ich ging nach einer halben Stunde im Dunkeln nach Hause. Nass, kalt und tieftraurig und meine Nachbarin sagte im Hausflur:
"Wie sehen Sie denn aus, Sie machen ja alles nass!"
"Waren Sie schon mal in Homberg?" fragte ich sie, "da soll das Ufer grüner sein..."


Die Moral von dieser Geschichte ist auch klar:

1. Spontane Ausflüge sind nicht immer eine gute Idee!
2. Auch da wo man gerade ist, ist es schön!
3. Wenn Sie so eine Kaninchenfrau oder so einen Kaninchenmann haben, der Sie bis zum Letzten beschützt, legen sie im Zweifelsfall mal die Ohren an und bleiben sie da!

und 4.:

Vergessen sie Homberg !!