Wolfgang Trepper  
Texte
       
                 
       
  Der Patron    
      In Erinnerung an Hanns-Dieter Hüsch  
           

Und dann wurde es leiser, sogar noch ein bisschen leiser, als es ja sowieso schon immer ist, am Niederrhein. Und eine alte, ganz knorrige Kopfweide, die am Altrhein in Birten wohnte, sagte nach rechts zu ihrer Nachbarin: „ Er is´ nicht mehr, jetzt hat er Ruh. Er is´nich mehr da. Also, hab ich gehört...“

Zwei Kühe daneben kuckten hoch und fragten sich und dann die Kopfweide: „Wie? Hab letzte Woche doch noch gespürt, dass er an uns gedacht hat, ganz deutlich. So was spürt man doch. Also ne, ne, ne...“ Die Kopfweide ging auf die beiden zu durch die Rheinwiesen, ein kleines knatschgelbes Maisfeld kam mit und der längst gestorbene Müller aus der ganz alten Windmühle bei Rees.

Sie gingen alle in Richtung zu den Kühen, von denen eine ganz verlegen von einem auf das andere, auf das andere, auf das andere Bein trat.
Sollte niemand sehen, dass sie Tränen in den Augen hatte.
Der Nebel kam noch plötzlicher als sonst am Niederrhein, wollte das alles so´n bisschen vernebeln. Geht ja keinen wat an... jetzt wissen sie auch, warum es immer so plötzlich Nebel gibt am Rhein, weil so watt keinen was angeht...

Und dann kuckte sich die Kopfweide noch mal um und war platt, wie man so sagt.
Denn als sie jetzt genau hinkuckte sah se, dass sie alle gekommen waren. Viele Kopfweiden aus der Hetter, mehrere, gleich mehrere Kühe und Rinder aus Emmerich, zwei Sturköppe aus Neukichen-Vluyn, ein Rheinhauser kleiner Jung, der von all dem nix verstand, aber sich in der Stimmung so geborgen fühlte, auf einmal Familie hatte.
„Ja, so isset“ sagte die Kopfweide. „Hast Recht, dumme Jung, einer vonne Familie is weg. Nicht mehr da. Aber auch dann wird man ja manches ausser Seele nie mehr los“
„Quatsch“ sagte da der Rhein. „Ich hör ja viel, und ich kann sagen, dass von Mainz, Köln und Duisburg alle sagen, dass er nie vergessen werden wird.“
Und zwei Pferde aus den Friemersheimer Rheinwiesen sagten leis´:
„Aber so´n Schutzpatron für uns und dat all hier, den gibbet nicht noch mal.“
Und keiner widersprach, es wurd´ noch stiller am Niederrhein und der Nebel musste ganz dicht werden, so dass niemand mehr die Hand vor Augen und die Tränen in den Augen sehen konnte.

Und der fahle, wie immer bißken blasse Mond am Niederrhein schien auf die B57. Der Fahrer sah ein paar Kühe, paar Bäume, Wiesennebel. Weiter weg ne Mühle, ein Maisfeld. Sonst nix.
Er wird den Zauber nie verstehen.
Er ist eigentlich die ärmste Sau in der Geschichte und wir -

Wir waren reich beschenkt.